Grazoutside

Ein schwarzer, eiserner Auslandsgrazer

Mein Großvater war Eisenbahner in Bruck an der Mur, und nachdem meine Eltern in Graz in einer Siedlung im Vorfeld des Schlosses St. Martin ein Haus gebaut hatten, kam er jedes Wochenende zu Besuch, natürlich mit dem Zug. Das letzte Stück vom Hauptbahnhof bis nach Webling fuhr er mit dem Roten Blitz auf der Strecke der Graz-Köflacher-Bahn, die hier schnurgerade aus der Stadt in die Südweststeiermark verläuft. Zwei Minuten von meinem Elternhaus war der Bahnübergang, auf der anderen Seite unsere Fußballwiese, und am Bahndamm entlang der abgezäunten Grundstücke ein schmaler Pfad zu der Bahnhaltestelle, die aus nicht viel mehr als einem kiesbedeckten Bahnsteig und einem Pfosten mit dem Fahrplan bestand.

Foto: Matthias Neugebauer https://www.flickr.com/photos/fred_madison/6815413520

Foto: Matthias Neugebauer https://www.flickr.com/photos/fred_madison/6815413520

Ich bin also an der Eisenbahn aufgewachsen und habe die Züge und die Wucht bestaunt, mit der sie vorbeifuhren und mich als ein Teil davon gefühlt, bis sie wieder weitergerauscht waren. Durch meinen Großvater war ich mit der Bahn gewissermaßen verwandt, die Eisenbahn ist etwas, dem ich seit jeher tief verbunden bin. Stolz wie ein Löwe war ich gewesen, als mein Großvater mich einmal am Hauptbahnhof zu einem Lokführerkollegen hochhob in den Führerstand einer der gewaltigen, rabenschwarzen Dampfloks mit ihren roten Radsätzen und Treibstangen, und wenn wir Kinder manchmal noch bis in die Dämmerung fußballgespielt haben, konnte man in dem grauweißen Rauch aus den Lokschornsteinen vorbeifahrender Züge wie Glühwürmer die Funken fliegen sehen.

Später waren die Bahnstrecke und ihre Züge ein Transportmittel für meine weiteren Träume. Wie die meisten meiner Freunde war ich ein Anhänger der amerikanischen Folkmusik geworden und spielte Gitarre, wobei ein wichtiger Teil dieser Musiktradition vom Mythos der Hobos lebt, der Wanderarbeiter, die Anfang des 20. Jahrhunderts in den USA unterwegs waren, indem sie auf Güterzüge aufsprangen. Nun hatte ich schon zuvor an den langen Güterzügen auf der GKB-Strecke eine besondere Sehnsuchtsposition ausfindig gemacht, nämlich das Bremserhäuschen am letzten Waggon. Die Vorstellung beseligte mich, in diesem schilderhauskleinen Balkonanbau mitfahren zu können, und später war in der Vorstellung auch für eine Gitarre noch Platz und ich reiste also hinaus in die weite, weststeirische Prärie, das war die Lockung des Bremserhäuschens.

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Der „Roter Blitz“ genannte Schienenbus VT 10 der GKB, Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Graz-K%C3%B6flacher_Bahn_und_Busbetrieb

Dann ging ich nach Deutschland und nahm meine Grazer Liebe zur Eisenbahn mit, und dann, etwa ein Vierteljahrhundert später, stand ich zum ersten Mal vor dem Deutschen Technikmuseum in Berlin. Es fällt als ein beeindruckender Glasbau in Kreuzberg auf, von großstädtischen Verkehrswegen umfasst, einer langen S-Bahnbrücke über den Landwehrkanal angesteuert, und oben auf dem Gebäude sitzt ein Rosinenbomber und schaut auf diese Stadt. Im Inneren zeigt sich, dass es nicht einfach ein Haus ist, sondern ein weitläufiges Gelände, dort wollte ich die Computer von Konrad Zuse sehen. Dann sind da zwei Lokschuppen, die besuchte ich ungeplant. Wenn man hört: Schuppen, mag man an eine Holzbude denken, aber nicht an die beiden riesigen Hallen-Halbmonde, die sich einem dort eröffnen, mit vielstrahligen Gleisen aus den Hallen, die jeweils im Innenhof auf eine riesige Drehscheibe führen.

Hier ist Eisenbahngeschichte versammelt, knapp 50 Treidel-, Feldbahn- und Brigadeloks, Grubenhunte, Schienenbusse, Sanitäts- und Halbspeisewagen, und als ich den Eintrag auf dem blechernen Informationspult vor einer schwarzen Dampflok mit altertümlich niedrig liegendem Kessel und einem breiten Schornsteinaufsatz las, stand da GKB. Ich war sicher, dass das Kürzel für etwas anderes stand als Graz-Köflacher-Bahn und die Übereinstimmung Zufall war, denn wie sollte ausgerechnet eine Lok dieser kleinen steirischen Nebenstrecke Aufnahme im Deutschen Technikmuseum finden? Später brachte ich in Erfahrung, dass es doch so war, und warum.

Dort auf Gleis 19 in Schuppen 1 des Museums steht die GKB 680, eine Dampflok, die im Jahr 1860 in einer 205 Maschinen umfassenden Baureihe ursprünglich für die Südbahn produziert worden war, die von Wien über Graz und Maribor nach Triest führte. Mitte der Zwanzigerjahre kamen einige der Loks in den Besitz der Graz-Köflacher-Bahn, ursprünglich eine Unternehmung zum Abtransport der Kohle aus den weststeirischen Steinkohlerevieren. Den zweiten Weltkrieg wie auch die drohende Requirierung durch die Alliierten überstanden vier der Lokomotiven – die Seriennummern 671, 674, 677 und die 680. Die GKB 671 übrigens ist als die inzwischen dienstälteste Dampflok der Welt immer noch in der Steiermark für Schaufahrten im Einsatz.

Vom Stummfilmstar zur Sturmflut

Ich erinnere mich nicht bildhaft, aber auch die GKB 680 wird mit ihrer Vorbeifahrt öfter unser Fußballspiel oder unsere Fahrradkunststücke in den riesigen, halboffenen Betonröhren unterbrochen haben, die für den Bau einer Großdruckerei von einem Kranwaggon neben den Bahndamm gehievt worden waren und dort jahrlang lagen, auch nachdem die Druckerei längst fertig gebaut worden war. In den Sechzigerjahren lief die sogenannte Kesselfrist für die alten Lokomotiven ab, danach musste die Maschine jeweils generalüberholt oder stillgelegt werden.

1962 erfuhr die 680 das große Abenteuer. Im Jahr 1926 hatte der Stummfilmstar Buster Keaton („der Mann, der niemals lachte“) den Eisenbahnfilm „Der General“ gedreht. In dem Film, der während des amerikanischen Bürgerkriegs spielt, verfolgt der Lokführer Johnnie Gray seine von Nordstaatlern entführte Lokomotive mit Namen „General“. Der Film wurde nur in den USA aufgeführt, und in den Jahren danach ging die Ära des Stummfilms zu Ende; Keaton musste seine Villa in Beverly Hills aufgeben, in der er den Höhepunkt seines Ruhms genossen hatte. 1952 entdeckte der Schauspieler James Mason, der die Villa gekauft hatte, in einer Abstellkammer vergessene Kopien von Keatons Filmklassikern, die allerdings zum Teil schwer beschädigt waren. Der Filmsammler Raymond Rohauer wandte viel Geld für die Rettung der Filme auf und sicherte sich von Keaton die Rechte. In den Jahren 1961 und 1962 organisierte Rohauer Neuaufführungen der restaurierten Fassung von „The General“ in 20 deutschen Großstädten, mit spektakulärem Werbeaufwand.

GKB 680 der österreichischen Südbahn aus dem Jahr 1860 (Deutsches Technikmuseum Berlin 18.04.2010) Frank Paukstat http://loks.startbilder.de Quelle: http://loks.startbilder.de/name/einzelbild/number/64950/kategorie/deutschland~museumsbahnen~deutsches-technikmuseum-berlin-dtb.html

GKB 680 der österreichischen Südbahn aus dem Jahr 1860
Foto: Frank Paukstat http://loks.startbilder.de

Über den Eisenbahnfotografen Sarris Overbosch hatte Rohauer die in Graz abgestellte GKB 680 entdeckt, die der „General“-Lokomotive ähnlich sah. Er mietete sie als Zugpferd für seinen Reklamefeldzug und veranlasste ein paar Umbauten, um sie „amerikanischer“ aussehen zu lassen. Mit Girlanden und einem Schild mit der Aufschrift „General“ an der Seite machte sich die 680 Ende 1961 auf den Weg nach München, Köln und Hannover, wo sich Buster Keaton immer neben dem famosen Fahrzeug fotografieren ließ.

Am 15. Februar 1962 erreichte die 680 Hamburg. Ein Foto zeigt sie beim Wasserfassen auf dem Bahnhof Hamburg-Harburg. Zwei Tage später, in der Nacht vom 16. auf den 17. Februar 1962 wurde die Nordseeküste von einer verheerenden Sturmflut, der Sturmflut, überschwemmt, die hunderte Menschenleben forderte und weite Teile der Stadt Hamburg im Wasser versinken ließ, mit ihr die Lokomotive 680. Andernorts erhob sich die Technik: Drei Tage nach der Sturmflut im Norden gelang dem amerikanischen Oberleutnant John Glenn in einer Mercury-Raumkapsel die erste erfolgreiche Erdumkreisung und anschließend sichere Wasserung im Meer. Auch die GKB 680 wurde geborgen und schaffte es danach wohlbehalten wieder in das heimatliche Heizhaus nach Graz. Dort fuhr sie bis 1964.

Am 16. August 1965 kam die Flut nach Köflach. Nach einem Dammbruch wurden der Bahnhof in Köflach und Teile der Stadt meterhoch mit Schlamm überflutet. Die einfahrende GKB 671 wurde bis zum Kessel im Schlamm begraben. Durch Signale mit der Lokomotivpfeife hatte der Lokführer das Bahnhofspersonal alarmieren und noch größeren Schaden abwenden können. Ende November 1970 wurde auch die 671 abgestellt. Mit dem Ende des Dampflokomotiven-Zeitalters wurde die 680 zusammen mit den Mitveteranen der Baureihe stillgelegt. Steirische Eisenbahnfreunde sorgten dafür, dass die 674 in das Eisenbahnmuseum in Budapest gelangte, die 671 nach einer Generalüberholung im Jahr 1978 wieder in Betrieb gehen konnte – und die weitgereiste 680 in das 1983 eröffnete Museum für Verkehr und Technik, das heutige Deutsche Technikmuseum Berlin überstellt werden konnte. Einzig die GKB 677 wurde verschrottet.

Text: Peter Glaser

Peter Glaser wurde 1957 in Graz geboren und lebt als Schriftsteller 
in Berlin. Er bloggt für die Neue Zürcher Zeitung (http://glaserei.blog.nzz.ch) und befasst sich als Journalist mit der digitalen Welt. Für seine Erzählung “Geschichte von Nichts” wurde er 2002 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet.

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