Grazoutside

Portrait: Clemens Krauss

Clemens Krauss kann der Frage nach seinem Geburtsjahr nicht viel abgewinnen. “Bezogen auf die gesamte Kulturgeschichte sind wir momentan sowieso eine Generation. Egal, ob man jetzt drei Jahre alt oder neunzig ist. Da sind lächerliche 87 Jahre dazwischen. Aber gerade in der Kunstszene sind derzeit alle so gierig auf die Jugend: man muss jung sein und muss noch marktfrisch sein – das finde ich teilweise so respektlos. Ich erinnere gerne an Leute wie Louise Bourgeois, die erst mit fünfzig berühmt wurde. Oder an wirklich gute Künstler wie Maria Lassnig in Österreich, die mit über 90 noch aktiv waren. Die Frage nach dem Alter ist in Wirklichkeit ziemlich belanglos, das ist, wie wenn man nach dem Gewicht oder der Körpergröße fragt.”

Clemens Krauss

Clemens Krauss

Für seine (zeitlich betrachtet) kurze Biographie ist Clemens Krauss bereits beachtlich lange in der professionellen Kunstwelt zuhause. Er hat Silikon als Malmittel entdeckt, am Central St. Martins College of Art and Design in London, das man nicht nur aus Pulp’s „Common People“ kennt, und an der Universität der Künste in Berlin studiert. In seinen Arbeiten beschäftigt sich der gebürtige Grazer u. a. mit dem Körper als einem Ort, an dem sich Identität, Individualität, Politik und Gesellschaft niederschlagen (im Februar 2008 erscheint das Buch „Das Körperkörper-Problem“, Verlag Walther König).

Mit dem 1893 geborenen, 1954 verstorbenen Wiener Dirigenten Clemens Krauss ist Clemens Krauss nicht verwandt. „Als Kind hat mich das immer ein bisschen beflügelt, wenn ich nach ihm gefragt worden bin“, erzählt der Maler Krauss. „In Salzburg gibt es eine Clemens Krauss-Straße und ich warte halt nur-“ unterbricht er sich schmunzelnd. „Dort müsste man sich eine Wohnung kaufen.“ Clemens Krauss, Clemens Krauss-Straße… Seine Arbeit ist im Prinzip nicht an Orte gebunden, sagt Krauss. “Ich brauche nur Ruhe zwischendurch, solche Biotope schaffe ich mir an den jeweiligen Orten – etwa bei meinen Atelieraufenthalten in São Paulo und Sydney dieses Jahr [2007; Anm.] oder in Tokyo nächstes Jahr. Das Herumkommen ist demnach gleich wichtig wie das Von-wo-Herkommen.”

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“Das einzige, was mir vor längeren Aufenthalten Sorge bereitet, ist nicht, wo ich schlafen und wo ich mein Essen kaufen werde, sondern dass ich die Materialien bekomme, die ich brauche. Welche Grammatur die Leinwand hat und welche Holzarten für den Leinwandbau zur Verfügung stehen, welche Ölfarben und Farbtypen es gibt, kläre ich möglichst vorab. Das ist mir ganz wichtig. Das sind meine Instrumente. Ich kann mit einer schlechten Ölfarbe mittlerweile nicht mehr arbeiten. Ich könnte, doch das würde mich unglücklich machen.” Nach Brasilien ließ Krauss seine Materialien zu Beginn dieses Jahres [2007; Anm.] schiffen.

“In São Paulo hatte ich ein Atelier angeschlossen an das Museo Paço das Artes im Universitätskomplex. In meiner Arbeit geht es viel um Körper und Posieren in jeweiligen politischen, sozialen oder kulturellen Kontexten. Wenn man nun in so einem anderen Umfeld lebt, dann gleicht sich irgendwann die Wirklichkeit der eigenen Klischeevorstellung korrigierend an – oder umgekehrt. Das hat mich – gerade in Brasilien – besonders beeindruckt. Ich lasse mich recht schnell auf das fremde Umfeld ein. Etwa auf das Essen, auf die Musik, auf die politische Situation eines Landes und natürlich auf die Sprache. Ich kaufe dann prinzipiell nur hiesige, kaum internationale Zeitungen.” Was Clemens Krauss auch bei kürzesten Flugstrecken mitnimmt, sind seine Laufschuhe. Laufend wird neue Umgebung erkundet.“

“Ich war in letzter Zeit bei Hochzeiten von alten, sehr guten Freunden in Österreich. Dazu muss ich sagen, dass ich alles andere als unversöhnt mit meiner Herkunft bin. Ich bin viel zu glücklich damit, wo und woran ich jetzt bin – und genauso glücklich bin ich auch auf Besuch in Graz. Das ist überhaupt kein Thema. Aber was ich merke, ist, dass ich mir in den letzten sechs, sieben Jahren eine gewisse Art des Denkens und von Wichtigkeiten verinnerlicht habe. Außenwahrnehmungen sind mir nicht mehr so wichtig. Das klingt zunächst wie eine Behauptung, aber es fällt mir vermehrt an mir selbst auf und ich erinnere mich noch gut, wie das am Gymnasium und am Anfang des Studiums war: wer wichtig war und wer nicht und wie die anderen einen sahen – eine typisch kleinstädtische Eigenheit – das hat sich mit Sicherheit in eine andere Richtung verschoben. Ich habe jetzt in erster Linie vor den Leistungen und Errungenschaften anderer Menschen Respekt. Das hat viel weniger mit Standesdünkeleien zu tun. Diese Unvoreingenommenheit ist schon etwas, das der Kunstszene speziell innewohnt. Auch deshalb würde ich sagen, ich bin in dieser Welt zuhause.”

ClemensKrauss2“Das Umfeld, in dem man sich bewegt, prägt man selbst auch, indirekt und unbewusst, mit. Wenn ich nicht das Gefühl hätte, dass dieses Umfeld mir mittlerweile sehr entspricht oder ich diesem Umfeld auch entspreche, könnte ich gar nicht so arbeiten, wie ich arbeite. Diese speziellen Umfelder suche ich dann immer wieder an den jeweiligen Aufenthaltsorten. Beispielsweise auch, wenn ich in Graz bin. Dann zieht es mich mehr an die künstlerischen Ecken – die es vor wenigen Jahren in der Form noch gar nicht gab – wie in die Postgarage oder ins Palais Thienfeld (das es mittlerweile nicht mehr gibt) und das ganze Viertel um das Kunsthaus – als zum Beispiel ins Café Harrach, wo ich als Student dauernd war.

„Mich hat es immer hinausgezogen, schon als Schüler und Student. Die Entscheidung, endgültig wegzugehen beruhte auf der Erkenntnis, dass sich der Beginn einer künstlerischen Tätigkeit wohl kaum in Graz verwirklichen lässt. Als junger Suchender braucht man schnell den entsprechenden Kontext, möglichst viele Gleichgesinnte und andere Verrückte und ein neues, zunächst unvertrautes Umfeld.” Nach der Matura studiert Clemens Krauss in Graz. Über einen kurzen Umweg über Wien landet er 2001 in Berlin. “Von 2003 bis 2004 habe ich in London gelebt und seit Ende 2004 bin ich wieder hier in Berlin. Zurückgekehrt sozusagen.”

“Der Freundeskreis von früher hat sich zu einem kleinen Kreis verdichtet. Neue Freunde aus den letzten Jahren gibt es in verschiedenen Städten, aber gemeinsam Kind gewesen zu sein teilt man eben nur mit wenigen Menschen.”
 Wäre das ganze Jahr Weihnachten, würde Clemens Krauss eine Rückkehr in die Stadt an der Mur in Erwägung ziehen. Eine charmante Bedingung. Ob es Dinge oder Orte in Graz gibt, die er vermisst? “Puntigamer Bier geht mir ab und der Geruch meines Kinderzimmers.”

Text: Maria Motter, 2007; Fotos: privat

Clemens Krauss: geboren in Graz
,lebt in als bildender Künstler in Berlin

www.clemenskrauss.com