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Information Superheimweh – Teil II: Als die Unterhosen ans Internet gingen

Der große Vorteil von E-Mails ist ihre Leichtigkeit, der Nachteil die dadurch begünstigte Schlamperei; die Möglichkeit, schlampig zu sein wiederum macht das neue Kommunikationsmittel für Grazer interessant. J.C.R. Licklider, einer der Väter des Internet, sah darin ebenfalls einen Vorteil: „Man kann eine Nachricht schnell und unperfekt schreiben, auch an jemanden, der älter oder höhergestellt ist oder der einen kaum kennt, ohne dass es einem der Empfänger übelnähme.“ Nur ihre vielgerühmte Schnelligkeit nützt der E-Mail gar nichts, wenn der Empfänger keine Lust hat, sie gleich zu lesen oder zu beantworten. Hörst Du, Lugus?

Bereits 1980 war das Internet mehr als nur eine Ansammlung von etwa 200 Computern und Standleitungen. Es war ein Ort gemeinschaftlicher Arbeit, an dem Freundschaften entstanden, neue Methoden der Verständigung und ein neues Lebensgefühl erprobt wurden. In ihrem Buch Where Wizards Stay Up Late über die Ursprünge des Internet schreibt die US-Journalistin Katie Hafner: „Amerikas Romanze mit den Highways hat auch nicht damit begonnen, dass jemand Straßen begradigt, asphaltiert und mit weißen Streifen in der Mitte bemalt. Sondern damit, dass einer auf den Trichter kam, seine Karre wie James Dean die Route 66 runterzufahren und das Radio laut aufzudrehen und eine schöne Zeit zu haben.”

Eine Rindsuppe mit Grießnockerln. Und Fettaugen. Foto: Gerda (tschörda), https://www.flickr.com/photos/tschoerda/110138016/

Eine Rindsuppe mit Grießnockerln. Und Fettaugen. Foto: Gerda (tschörda), https://www.flickr.com/photos/tschoerda/110138016/

Eine lautlose Revolution

In der stillen Welt der Netzwerkspezialisten vollzog sich Anfang der achtziger Jahre eine lautlose Revolution. Wie die kleinen Fettaugen auf einer Rindsuppe, die in einem einzigen großen Fettauge aufgehen, begannen sich nun Hunderte und Tausende abgeschlossener Netze miteinander zu einem weltweiten Netz zu verbinden – dem modernen Internet. Wir hinterher. Reinhard und ich wurden frühe Computerenthusiasten. Lugus lief auch eine Maschine zu. Xao kaufte sich erst 1988 ein Powerbook und ein Modem, nachdem er sich ein Bein gebrochen hatte und anfing, sich zu langweilen. Anfang der neunziger Jahre wurde die E-Mail-Adresse auf der Visitenkarte hip. Jemand, der wußte, wie man @ ausspricht, war wer. Die US-Textilfirma Joe Boxer druckte als erste eine Internetadresse auf ihre Unterhosenpackungen. Xao und Reinhard begannen gemeinsam an Drehbüchern zu arbeiten, einer in Düsseldorf, einer in Hongkong.

Aber das neue Medium wuchs zu schnell, um die herkömmlichen Qualitätsanforderungen an den Nachrichtentransport zu erfüllen. Der Vergleich zwischen E-Mail und Papierpost, von Usern abschätzig Snailmail (Schneckenpost) genannt, fällt durchaus nicht immer zugunsten der elektronischen Briefe aus. So gab es noch bis vor ein paar Jahren in jedem Schneckenpostamt Spezialisten, die es schaffen – unter Aufbietung der gesamten Erfahrung, welche sich seit 1490 angesammelt hat, als die heutigen Thurn & Taxis mit dem Aufbau des Postdienstes begannen – einen Brief aus Hongkong an “Alexoufer Seffc. Mr. <XAU> Homwer Sweet Germany” korrekt an Herrn Alexander „Xao“ Seffcheque, Hammer Straße, Düsseldorf zuzustellen (sein chinesischer Schneider aus Hongkong hatte Xao eine Rechnung geschickt). Versuchen Sie das mal mit einer E-Mail. Im besten Fall wird ihnen der böse „Mailer Demon“ ihre Nachricht Bumerang-artig zurückschicken.

Vielleicht Xao Seffcheques Schneider aus Hong Kong? Foto: kris krüg, https://www.flickr.com/photos/kk/3658890115/

Vielleicht Xao Seffcheques Schneider aus Hong Kong? Foto: kris krüg, https://www.flickr.com/photos/kk/3658890115/

Wobei die Leistungsfähigkeit von E-Mails auch heute, im Zeitalter sozialer Netze, noch lange nicht erschöpft ist – denn sie basiert auf dem mächtigsten Instrument, über das der menschliche Geist verfügt, der Sprache. So fragte mich meine Schwester einmal, ob ich mich erinnern könne, wie wir als Kinder aus Kastanien und Zahnstochern Tiere und kleine Bauwerke zusammengesteckt hätten. Sie hatte es nach langen Jahren wieder einmal probiert, aber die Zahnstocher gingen nicht in die Kastanien. Ich mailte meine Freunde an: Hatten sich die Kastanien nach Tschernobyl verhärtet? Waren die Zahnstocher früher weniger weich gewesen?

Umgehende Antwort von Xao aus dem Rheinland, der sich erinnerte, dass man statt Zahnstochern auch Streichhölzer verwendet hatte, vor allem: dass die Löcher in den Kastanien vorgebohrt werden mussten. Von Reinhard kam aus Asien – allzeit bereit – der Hinweis, dass man statt Kastanien auch Tannenzapfen („Schurl”) als Bauelement verwendet hatte. Ich leitete das meiner Schwester weiter, die sofort anrief und von einer Freundin berichtete, die eine umgangssprachliche Bezeichnung für Tannenzapfen verwendete, von der wir alle noch nie gehört hatten: „Tschurtscherl”. In Gösting sagt man so. Die nächste Runde Mails ergab aus Manila, Las Vegas und Düsseldorf fünf weitere mundartliche Tannenzapfen-Variationen.

Was für ein Reichtum. Ich mailte alles an meine Schwester nach Graz. Es ist nämlich so: Nicht die Welt ist klein. Graz ist groß.

Ausreichend Bastelmaterial - geschälte "Sterne der Heimat", Foto: Alexander Krischner http://www.flickr.com/photos/daalex/10695380484/

Ausreichend Bastelmaterial – geschälte „Sterne der Heimat“, Foto: Alexander Krischner http://www.flickr.com/photos/daalex/10695380484/

Text: Peter Glaser

Hier geht es zu Teil I: Vier Freunde im globalen Dorf

Peter Glaser wurde 1957 in Graz geboren und lebt als Schriftsteller 
in Berlin. Er bloggt für die Neue Zürcher Zeitung (http://glaserei.blog.nzz.ch) und befasst sich als Journalist mit der digitalen Welt. Für seine Erzählung “Geschichte von Nichts” wurde er 2002 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet.

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