Grazoutside

Ich will da nicht hinauf

Was machen zwei Grazer, alte Freunde, die tausend Kilometer von einander entfernt in Europa leben, wenn sie sich lange nicht mehr gesehen haben? Sie treffen sich in Peking.

Peter Glaser als junger Schriftsteller, 1982

Also, das war so. Erst rief eine Frau mit einem sonderbaren Namen an, ich dachte sofort an eine Internet-Betrugsmasche. Aber was sich für mich wie ein ausgedachter Name anhörte, war Unwissen, denn es war ein litauischer Name und die Frau gehörte einer altehrwürdigen Organisation an, die sich an das deutsche Außenministerium anlehnt; von Gottfried Benn gibt es übrigens eine mir unvergessen in jungen Jahren in Graz das erste Mal gelesene und deshalb mit Graz verbundene Beschreibung einer Bahnreise und des Blicks in die Fahrt hinaus: „an Rosen ist jedes Haus gelehnt“. Jedenfalls hatte ich auch von dieser Organisation noch nie etwas gehört, und ob ich nicht nach Peking reisen wolle, zu einem Treffen mit chinesischen Bloggern, einem Kulturaustausch. Aber ja.

In den folgenden Wochen und Monaten tauchten immer neue Schwierigkeiten auf, die dazugehören, wenn man als Schriftsteller und Blogger – in einer Abordnung – nach China reisen will, und derer die altehrwürdige, in diesen Dingen erfahrene Organisation Herr zu werden versuchte. In dem Augenblick, in dem klar war, dass es sich um eine keineswegs obskure, dafür ernsthaft abenteuerliche Angelegenheit handelt, rief ich Manfred an.

Wir hatten uns lange nicht mehr gesehen, aber es ist diese Art von Freundschaft, der Zeit nichts anhaben kann. Ich wußte, dass er und seine chinesische Freundin, die er in Graz kennengelernt hat, öfter nach China reisen. Ich glaube, es gibt niemanden, der so viel vom steirischen Wein weiß wie er, vom Wein insgesamt, und dazu wird er inzwischen auch in China um Auskünfte gebeten, wo man das Klima und das Material, noch nicht aber die Weinkultur hat. Manfred reist in Geschäften nach China, aber es ist nicht nur der Wein. Das Essen gehört ebenso zu seinem Metier. Das beste Essen. Nicht: Essen für Reiche. Nicht für Leute, die aufschneiden (sic!) wollen. Einfach das beste Essen. Ich dachte, er wird wissen, wo man hingeht in Peking, wenn man gut essen möchte.

„Wann bist du in Peking?“

„Anfang Dezember.“

„Da bin ich auch da.“

„Wir sehen uns in Peking.“

Zwei Tage konferieren mit chinesischen Bloggern, Internet-Unternehmern und einem Juraprofessor, der am zweiten Tag ein paar Studenten mitbrachte, vielleicht, damit sie später einmal bezeugen konnten, dass er den Mut besessen hatte, Ausländern zu erläutern, dass es in der chinesischen Verfassung seit den Fünfzigerjahren einen Paragraphen zur Meinungsfreiheit gibt, der aber immer noch nicht ratifiziert, also in Betrieb genommen worden ist. Noch zwei Tage vor unserer Anreise war in Shanghai eine Bloggerkonferenz verboten worden, und hatte ich in einem Akt der Selbstzensur einige Dossiers von meinem Rechner, den ich mitnehmen wollte, auf externen Speicherplatz umquartiert, um Missverständnisse zu vermeiden, darunter einen Ordner namens „bauanleitung atombombe“ mit Texten wie „In 10 Schritten zum eigenen thermonuklearen Gerät“ („Als erstes beschaffen Sie sich 30 kg waffenfähiges Plutonium“).

Nach der Ankunft in Peking interessierte sich allerdings niemand für mein MacBook und ich war ein wenig beleidigt, denke aber inzwischen nach dem, was Edward Snowden so alles zu erzählen hat, dass die zuständige chinesische Behörde bei Bedarf wohl nicht erst bis zu meiner Einreise gewartet, sondern sich Information im Vorgriff verschafft hätte. An einem der Counter in der Riesenweite der Ankunftshalle waren unter der Glasscheibe, hinter der eine Beamtin saß, drei Knöpfe mit jeweils einem lächelnden, einem neutralen und einem traurigen Smiley angebracht, die man als Reisender drücken konnte. Da ich unbehagliche Fantasien davon hatte, was ich der Beamtin damit antun würde und ob sich beispielsweise unter ihr, wie unter Donald Duck, wenn er bei Onkel Dagobert um Geld bittet, eine Falltür öffnen würde, ließ ich die Knöpfe unberührt.

Diese Vorstellung, in den chinesischen Kohleminen zu landen, kehrte ein paar Tage später mit Wucht zurück, nachdem meine Frau und ich uns auf den Weg zu den Ming-Gräbern gemacht hatten, die sich etwa eine halbe Stunde Fahrt nördlich von Peking befinden. Dort schützt, wiederum im Norden, – für Chinesen früher der Ursprung aller schlechten Energien – der „Berg der Langlebigkeit des Himmels“, Tanshou Shan, ein hufeisenförmiges Tal, das sich nach Süden hin der Sonne öffnet und also an Graz erinnert, auch wenn ich es strikt ablehnen würde, die Obersteiermark als Quelle nachteiliger Kräfte anzusehen.

Wir waren, nachdem fertig konferiert worden war, mit Manfred und Maylin zu Expeditionen ins Handelsgeschehen der chinesischen Hauptstadt ausgezogen, durch die klaustrophobische Verkäufergeisterbahn des mehrgeschoßigen Pearl Market und auf den Dirt Market, um zu Pop Art geronnenes altes Propagandamaterial zu kaufen, all das so anstrengend, dass wir später nur deshalb in einen Supermarkt einkehrten, um uns zu erholen, weil man dort nicht feilschen muss; ausgezogen zu Expeditionen ins Kulturgeschehen der 798 Art Zone und in den geheimen Garten des Kaisers in der Verbotenen Stadt; und zu Expeditionen ins Essbare, etwa in einem Grand Hotel, vor dem chinesische Bonzen ihre Rolls Royces mit Mao-Büsten auf der Ablage über dem Armaturenbrett ausgestattet hatten und wo, während wir gemeinsam mit dem Rektor einer Universität für chinesische Minderheiten von dem wie überall in der Tischmitte befindlichen Glaskarussell mit den Schalen und Tellern der aus allen Bestellungen bestehenden Gesamtmahlzeit Gemüse, Fisch und Feines nahmen, sich hinter uns im Speisesaal immer mehr Köche, Beiköche, Kellnerinnen und Kellner ansammelten, bis es beunruhigend wurde und Maylin nachfragte: Es waren die Vorbereitungen für ein Gruppenfoto, mit dem besondere Leistungen à la „die Angestellten des Monats“ hervorgehoben werden sollten, und dann rief der Fotograf auch schon das chinesische Wort für Aubergine, das dem westlichen Cheese entspricht, um alle zum Lächeln anzuhalten.

Auf dem Weg zu den Ming-Gräbern

Auf dem Weg zu den Ming-Gräbern

Herr Ma war der Fahrer, der uns zu den Ming-Gräbern bringen sollte, ein ruhiger, freundlicher Mann mit riesigen Händen, und da Herr Ma nur Chinesisch sprach, hatten wir drei Zettel mit jeweils einem chinesischen Satz darauf mit dabei, die Maylin für uns aufgeschrieben hatte: „Ich suche eine Toilette“, „Wir würden gern etwas essen“ und „Ich will da nicht hinauf.“ Der letzte Satz hat damit zu tun, dass ich schlecht zu Fuß bin und keine Treppen steigen kann und vor Reiseantritt im Internet eine Stelle an der chinesischen Mauer ausgekundschaftet hatte, an der man sich mit einem Fahrstuhl hochbefördern lassen kann. An diese Stelle wollten wir als erstes und hatten die Reisebüromitarbeiterin, die uns Herrn Ma vermittelt hatte, entsprechend instruiert. Allerdings hatte ich kurzfristig umdisponiert. Ich wollte nun nicht mehr mit einem chinesischen Aufzug auf die Mauer hoch (ich leide unter Höhenangst) und musste nun also dafür Sorge tragen, dass Herr Ma mich nicht in irregeleitetem Pflichteifer doch in den Aufzug würde verfrachten wollen.

Der Toiletten-Zettel war nicht nur nützlich, sondern führte auch dazu, dass ich den ersten Kolibri meines Lebens sah, während ich im Wagen auf dem Parkplatz hinter einer Keramikmanufaktur wartete und Herr Ma draußen eine rauchte. Etwas, das ich erst für eine grüne Hummel hielt, flog den Scheibenwischer entlang und blieb dann in der Luft stehen, um sich zu erkennen zu geben.

Zuletzt spielten wir den „Wir würden gern etwas essen“-Zettel aus, und Herr Ma brachte uns in ein Dorf abseits der Straße, eine Allee laubloser Bäume entlang, die Äste voll mit Früchten, die aussahen wie reife Paradeiser. Direkt am Dorfplatz lag eine Gastwirtschaft, davor eine Grillstelle. Der Gastwirtschaft gegenüber stand ein Flachbau, der aussah wie eine dörfliche Parteizentrale oder ein Kulturzentrum, das noch aus den Sechzigerjahren übriggeblieben war und aus dem jederzeit Menschen mit Ballonmützen in blauen Anzügen auf die Straße treten konnten; eine Zeitschleuse.

Wir waren die einzigen Gäste, und an einem großen Fenster, das aus dem Gastraum auf den Platz hinausführte, standen vier Kellnerinnen in roten Westen und kicherten gedämpft. Die Speisekarten waren dankenswerter Weise mit Fotos illustriert, so konnten wir mit den Fingern ein aus den unterschiedlichsten kulinarischen Forschungsgegenständen komponiertes Menü zusammendirigieren, das von einer Dame notiert und von den Kellnerinnen nach einer Weile angeliefert wurde. Ein Schmetterlingsfisch gehörte dazu, der erst noch nach draußen auf den Grill kam, und spektakulär war der Auftritt der Hühnerfüße auf einen Chilibett, das eine große, ovale Schale zentimeterhoch ausfüllte und von dem ich erst einmal sicher war, dass niemand so etwas überleben würde. Aber es ist nicht der mörderisch scharfe Chili, und so nahm das Essen mit seinen verschiedenen interessanten Abzweigungen seinen Lauf.

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Dann wollte ich bezahlen und erkannte aber beim Blick ins Portemonnaie, dass ich mich von einem trügerischen Gefühl hatte leiten lassen: Wir hatten zu wenig Geld dabei. Ich winkte mit einer Kreditkarte und lächelte, und die Dame, die unsere Bestellung aufgenommen hatte, lächelte zurück und schüttelte den Kopf. O.K. Ich legte erstmal das zu wenige Geld vor uns auf den Tisch, gewissermaßen als Diskussionsgrundlage. O.K., wir würden Herrn Ma bitten, uns auszuhelfen und ihm das Geld später im Hotel zurückgeben. Und da er kein Englisch und wir kein Chinesisch sprachen, würden wir Maylin anrufen – was haben Menschen in einer solchen Situation gemacht, als es noch keine Mobiltelefone gab? – und sie bitten, Herrn Ma die Lage und unser Anliegen verständlich zu machen. O.K.

Manfred nahm ab. Er dachte überhaupt nicht daran, das Telefon an Maylin weiterzureichen, sondern erklärte uns kategorisch, dass Herr Ma das ganz sicher nicht machen würde. Ein steirischer Sturschädel, und weiß immer alles besser. Aber ein guter Mensch, er ist nett zu seiner Mutter. Ein steirischer Sturschädel in Peking, und wir mit vakant zu wenig Geld irgendwo im chinesischen Hinterland, ich wusste nicht einmal, wie der Ort hieß, in dem wir uns befanden. Wie sich später herausstellte, hatten Manfred und Maylin gerade Streit und redeten nicht miteinander, das Telefon an sie weiterzureichen, wäre unter gar keinen Umständen möglich gewesen.

Dann kam der Moment, an dem das Telefonat zu Ende war, und es war zugleich der Moment, in dem mir die Ideen ausgingen. Das passiert sehr selten. Ein lebenserfahrener Mensch hat einmal gesagt: Das Wunderwerk des menschlichen Gehirns funktioniert vom Moment der Geburt an bis zu dem Augenblick, in dem man aufsteht, um vor einer größeren Menschenmenge zu sprechen. So war das bei mir mit dem Fluss der Ideen, wie ein anstehendes Problem zu lösen sein könnte, bis zu dem Augenblick, in dem wir nunmehr definitiv da unweit der Ming-Gräber mit zu wenig Geld für die Zeche dasaßen. Das einzige, was mir noch einfiel, war, dass „Zeche“ nicht nur „Rechnung“ bedeutet, sondern auch „Kohlemine“.

Eine sehr lange Viertelstunde später, in der die Dame des Hauses sich ab und zu unaufdringlich und mit einem Lächeln anwesend zeigte, erschien der Deus ex machina. Ein Mann mit verschlossenem Gesicht und einem Kreditkartenlesegerät trat an unseren Tisch. Man war offensichtlich erst genötigt gewesen, einen Boten in jene andere Realitätsebene zu senden, in der Männer mit solchen ernsten Maschinen existieren, und wir spürten, wie unpassend die Transaktion in dieser Form war, ein wenig, als habe man einen Kampftaucher herbeigerufen, weil einem die Armbanduhr ins Aquarium gefallen war. Ich bezahlte die gesamte Rechnung mit der Kreditkarte und gab von dem nunmehr verbleibenden Bargeld ein als religiöses Opfer dimensioniertes Trinkgeld.

Auf der Rückfahrt in die Hauptstadt sah ich auf einer Fußgängerbrücke über der Autobahn  an den Metallstäben des Geländers über die ganze Länge Scharen von ungeordnet angebrachten Zetteln flattern und Vorbeigehende, die sich für den einen oder anderen Zettel zu interessieren schienen, wohl die individualisierte Version einer Wandzeitung respektive deren Kleinanzeigenteil. Ich stellte mir vor, wie meine Frau und ich dort flaschenposthafte Papierstreifen mit Nachrichten auf Deutsch, Englisch, Italienisch, Latein, in gebrochenem Französisch und vielleicht nach einer Weile auch auf Steirisch anbrachten und zu warten begannen und Herr Ma uns, als sei das ganz selbstverständlich, in den folgenden Tagen und Wochen mit Essen und Decken und dem versorgen würde, das auf einer Fußgängerbrücke über der Autobahn G6 Peking–Lhasa überlebensnotwendig war.

Abends trank ich mit Manfred in der Hotelbar, und nicht einmal Schnaps. Und dass ich nicht wütend auf ihn war, bestätigte mich in meiner Sicht, dass wir Freunde sind und aus der selben Stadt.

Peter GlaserText und Fotos: Peter Glaser

Peter Glaser wurde 1957 in Graz geboren und lebt als Schriftsteller 
in Berlin. Er bloggt für die Neue Zürcher Zeitung (http://glaserei.blog.nzz.ch) und befasst sich als Journalist mit der digitalen Welt. Für seine Erzählung “Geschichte von Nichts” wurde er 2002 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet.

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