Grazoutside

Die mittelgroße Stadt Graz

„Das Laster der Kleinstadt ist der Klatsch, das Laster der Großstadt Gleichgültigkeit.“ – Tom Wolfe

Auf den ersten Blick scheint es einen Magnetismus zu geben, der Kunst im Großraum von Metropolen konzentriert. Einen Rest an Kunst schleudern die dazugehörigen urbanen Abstoßungskräfte hinaus in abseitige Landstriche. Die Kraftfelder der Kunst erscheinen angeordnet wie in Atomen. In den Kernen drängt sich immense Energie, die Außenposten senden ab und zu Quanten aus, ein Leuchten; dazwischen klafft das Nichts.

Dieses Nichts aber ist nicht Nichts. Auf der Skala zwischen brodelnden Weltstädten und der einsamen Villa auf der Koralpe, in der Alban Berg seinen „Wozzeck” schuf, liegt eine geheimnisvolle Klasse von Städten mittlerer Größe, in denen die Kunst sich wie Laserlicht zu ganzer Schärfe und Dichte versammelt. Es sind Städte, die, was Kunstauffälligkeit angeht, vorzüglich getarnt sind hinter gutbürgerlichem Zurechtgerücktsein, pittoresken Altbauten und wirtschaftlich erfolgreichen, trostlos langweiligen Formen von Modernität. Es sind Städte wie Graz, die durch gelegentlich vulkanische Ausstöße an hypermoderner Kultur frappieren.

Warum ist Kunst gerade in solchen mittelgroßen Städten manchmal besonders gern zu Haus?

Sie möchten Künstler werden, junger Mensch? Seien Sie beruhigt, dagegen gibt es Abhilfe. So fühlt sich die Grundstimmung an, in die hinein der einer mittelgroßen Stadt ureinwohnende Kunstaspirant aufbricht, nachdem ihn eine Mischung aus unerklärlicher Sehnsucht, Hormonschwankungen und fundamentalem Zorn, weil es auf Vernissagen nicht einmal mehr etwas umsonst zu essen gibt, in die blanke Kunst getrieben hat. Das stets mitschwingende Minderwertigkeitsgefühl ist und bleibt Teil des staunenswerten Erfolgs mittelgroßstädtischer Kunst. Es neutralisiert die Eitelkeit, die alles lächerlich macht. Und es gibt der Kunst, was sie leicht und groß macht: eine Unschuld.

Foto: Marion Schneider & Christoph Aistleitne [CC-BY-SA-2.5 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5)], via Wikimedia Commons

Das Forum Stadtpark wurde 1959 gegründet. Foto: Marion Schneider & Christoph Aistleitner [CC-BY-SA-2.5 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5)], via Wikimedia Commons

In der österreichischen, der steirischen, der Grazer Literatur etablierten sich nach dem zweiten Weltkrieg erst wieder die sogenannt „bodenständigen” Autoren, bis 1958 Mitglieder der Malervereinigung „Junge Gruppe” ein Café im Stadtpark, das eigentlich abgerissen werden sollte, für Veranstaltungen und Ausstellungen reaktivieren wollten. Widerstand fördert standhafte Kunst; aber auch das ist nur ein Teil des schwebenden Mobiles, das insgesamt erklären soll, weshalb es dieses Besondere gibt in manchen mittelgroßen Städten.

Das 1959 gegründete Forum Stadtpark mit seinen Referaten für Literatur, Musik, Fotografie, Kunst und Architektur entwickelte sich zum kulturellen Epizentrum im deutschsprachigen Raum und lässt an eine frühe Einsicht eines seiner Mitglieder denken: „Menschen”, sagt Peter Handke, „versammeln sich, wo sich schon Menschen versammelt haben.” Die Kunst besteht darin, einen solchen Versammlungs-Attraktor zu starten. Parks scheinen eine gute Voraussetzung dafür zu bieten. „Die Kunst offenbart die mangelnde Planung der Natur, ihre sonderbare Grausamkeit, ihren durchaus unfertigen Zustand”, schrieb Oscar Wilde. „Die Natur hat gute Absichten, aber sie kann sie nicht ausführen. Die Kunst ist unser ritterlicher Versuch, der Natur ihren richtigen Platz anzuweisen.”

Es sind Orte und Bedingungen, die als gastliche Inkubatoren für die Künste wirken. In Graz hat das in den siebziger Jahren dazu geführt, dass man kaum noch laufen konnte vor Schriftstellerinnen und Schriftstellern, vor kohortenweise jammernden Jazzern, die in der einzigartigen Jazz-Abteilung der Musikhochschule kristallisierten, sowie vor sich gruppierenden oder solitären Malern, Fotografen und Architekten. Eine weitere, melancholische Erscheinung wurde sichtbar: der künstlerische Flugsameneffekt.

Eine Stadt wie Graz ist zwar mittelgroß, aber die Infrastruktur für künstlerische Existenzen reicht angesichts der Überfülle an Interessenten nicht für eine gewöhnliche Generationsfolge aus, also wird emigriert. Die Emigrationswellen österreichischer, speziell Grazer Kunst- und Medienschaffender führen in Deutschland noch heute gelegentlich zu Verschwörungstheorien, die Österreicher würden heimlich das deutsche Kulturleben unterwandern – gänzlich unbegründet übrigens, den Verschwörungen sind dem Österreicher viel zu anstrengend, dem Südösterreicher zumal. Er weiß, dass die Weltherrschaft nur durch die Kunst zu erreichen ist. Robert Musil hat hierzu den schönen Begriff des „Weltösterreichertums” erschaffen.

Das Forum Stadtpark ist auch heute noch Zentrum für junge KünstlerInnen und Subkultur - wie hier beim jährlichen Elevate Festival. Foto: Elevate Festival, https://www.flickr.com/photos/elevatefestival/

Das Forum Stadtpark ist auch heute noch Zentrum für junge KünstlerInnen und Subkultur – wie hier beim jährlichen Elevate Festival. Foto: Elevate Festival, https://www.flickr.com/photos/elevatefestival/

Etwas Familiäres herzustellen, eine gewisse Dörflichkeit, die sich in einer mittelgroßen Stadt immer auch nach vergnügtem Trutz gegen die banausische Mehrheit anfühlt und das Selbstgefühl steigert, gehört zu den sozialen Erfolgsmaßnahmen der Kunst in einem derartigen Milieu. Denn am Schrecklichsten und Nutzlosesten für die Kunst ist die – vermeintliche – maximale Toleranz in Metropolen, die meist verbunden ist mit einer maximalen Orientierungslosigkeit vor allem junger Kunstinteressierter.

Die Atmosphäre in mittelgroßen Städten begünstigt das gemeinschaftliche Hineinfühlen, Herantasten, Vorandenken in die Kunst. Die Verheißungen, die bestimmte Künste erzeugen, sind hier geerdeter. Nicht unerwähnt bleiben darf übrigens ein besonderer Menschenschlag, ohne den die Kunst in mittelgroßen Städten kollabieren müsste. Wenn in einer Stadt ein paar wenige dieser unbegreiflich uneigennützigen, findigen, kunstleidenschaftlichen Kunstbegünstiger leben, haben die Stadt und die Kunst gewonnen. Diese Leute sind Katalysatoren. Sie arbeiten weitab der Eitelkeit und intellektuellen Zickigkeit sogenannter Kuratoren. Sie retten die Kunst. Durch sie fließt der mysteriöse Strom heran, der an Kunstwerken leuchtet. Wenn sie weg sind, ist die Kunst weg – obwohl sie selber keine Kunst machen.

Was die ganz großen Städte als auch die völlige Einöde für Künstler bereithalten, sind die klaren, banalen Formen der Verzweiflung. Ich kannte einmal einen extraordinären Bildhauer in Wien, der sein ganzes Talent vergeudete, indem er im Winter in Lokalen Frauen verführte, bis sie ihm soviel Geld gaben, dass er sich ein paar Briketts für den Ofen in seinem Atelier kaufen konnte. Dann saß er da im Warmen und sah dem Gips beim Hartwerden zu.

Die mittelgroßen Städte dagegen liefern eine Meta-Verzweiflung, die auch die Kunst auf eine nächste Ebene hinaufzieht. Es ist die Verzweiflung vor der Verzweiflungslosigkeit. Der Terror der Idylle. In einer lieblichen Altstadt wie in Graz sammelt sich schöpferische Erbitterung vor so viel hoffnungslos lieblicher, alter Schönheit. Zu späte Menschen sind wir: dieses Gefühl ist die Verzweiflung. Diese Wut käme in einer Großstadt erst gar nicht zustande.

Und klar, es ist auch die Sehnsucht nach der großen Stadt, die die Kunst in der kleinen Stadt groß macht. Die Kunst in mittelgroßen Städten ist, wenn sie groß ist, auch wirklich groß, aber der Großstadttraum funktioniert nur in der kleinen Stadt. Was heißt aber: Wenn es eine Stadt wie Graz nicht gäbe, dann hättet ihr keine Sehnsucht mehr, und das wäre das Ende der Menschheit.

Peter GlaserText: Peter Glaser

Peter Glaser wurde 1957 in Graz geboren und lebt als Schriftsteller 
in Berlin. Er bloggt für die Neue Zürcher Zeitung (http://glaserei.blog.nzz.ch) und befasst sich als Journalist mit der digitalen Welt. Für seine Erzählung “Geschichte von Nichts” wurde er 2002 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet.

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