Grazoutside

Portrait: Christina Pluhar

„Ich bin im Alter von 19 Jahren aus Österreich weggegangen, das war 1984. Zuerst nach Holland, um in Den Haag zu studieren. Nach drei Jahren zog ich nach Basel, auch des Studiums wegen, wo ich sechs Jahre geblieben bin. Am Ende meines Studiums bin ich nach Paris übersiedelt, dort lebe ich schon seit mehr als 20 Jahren.“

Christina Pluhar, Foto: www.arpeggiata.com

Christina Pluhar, Foto: www.arpeggiata.com

L’Arpeggiata

„Das ist der Name meiner eigenen Gruppe für alte Musik, die ich 2000 gegründet habe. Der Name ist der Titel einer Komposition des Lautinisten Geronimo Kapsberger. Er war Deutscher, hat aber in Italien gelebt. Den Titel habe ich deswegen gewählt, weil wir auf die Musik aus dem 17. Jahrhundert spezialisiert sind, die Zeit, in der dieser Komponist gelebt hat. Und weil das auch mit der Klangfarbe unserer Gruppe zu tun hat, es gibt viele Lauteninstrumente, Lauten, Harfen.
Ich selber spiele Laute, Theorbe, die große Basslaute, Barockgitarre und alle möglichen Lauteninstrumente. Und Barockharfe – ich fahre doppelgleisig.“

„Ich glaube, für viele Grazer, die im Ausland wohnen, bleibt Graz immer sehr wichtig. Ich bin in den 70er und 80er Jahren in Graz aufgewachsen. Damals war Graz noch relativ isoliert, das hat sich, soweit ich beobachten konnte, schon sehr verändert. Es war damals ein kleines Inselchen. Eine kleine Großstadt, wo kulturell sehr viel los war, aber sehr beschaulich und überschaubar. Es war eine sehr stimulierende Umgebung. Mit dem steirischen herbst und der Literaturbewegung. Was es damals nicht gab, heute aber schon gibt, ist alte Musik. Damals, Anfang der 80er, war Graz unberührt davon. Deswegen bin ich aus Graz weggegangen, aber ich habe schöne Erinnerungen an Graz und ich komme immer wieder gerne zurück. Weihnachten ist meistens die Zeit für einen Graz-Besuch, das hat sich so eingependelt. Mehr schaffe ich mit meinem Lebenswandel nicht, denn als Musikerin bin ich ständig auf Konzertreisen, da bleibt wenig Zeit.“

„Ich bin im Stadtzentrum aufgewachsen, in Geidorf. Ich war relativ jung, als ich aus Graz weggezogen bin. Wenn ich geblieben wäre, hätte beruflich nicht das machen können, was ich mache. Auf der anderen Seite wohne ich seit über 20 Jahren in Paris und da kommt die Sehnsucht nach der Überschaubarkeit. In Paris gibt es mit allen Vororten 14 Millionen Einwohner, eine Großstadt mir ihren Problemen, was andere Situationen bringt. Aber man kann nicht alles haben. Man kann nicht im Zentrum der Welt leben plus die Bequemlichkeiten einer Kleinstadt genießen.
In Frankreich wird alte Musik nicht als Nische gesehen, die wird in Österreich als etwas Elitäres angesehen, die klassische Musik, Mozart, ist hier vorherrschend. Im Rest von Europa und vor allem in Frankreich ist die Klassik zu 50 Prozent von alter Musik vertreten. Da kann man nicht mehr von Nischen Reden.
Für die, die nicht mit Musik betraut sind: Es ist ein knochenharter Job. Man kann nie sagen ich übe jetzt mal nicht. Man muss wie ein Sportler ständig in Form sein. Auf der anderen Seite ist Musik nicht nur das. Konzertverkauf, CD-Planungen, Management, das gehört dazu.“

Das Ensemble L'Arpeggiata bei einem Auftritt, Foto: www.arpeggiata.com

Das Ensemble L’Arpeggiata bei einem Auftritt, Foto: www.arpeggiata.com

Paris vs. Graz

„Ich hatte überhaupt keine genaue Vorstellung wohin, mein Herumziehen in Europa hat sich so ergeben und ich hab mich einfach tragen lassen. Und bin dorthin gegangen, wo ich am meisten lernen und am meisten Erfahrungen sammeln konnte. Paris war keine Liebe auf den ersten Blick, das war eine berufliche Entwicklung.“

„Generell würde ich sagen, Paris und Graz kann man überhaupt nicht vergleichen. Da fällt mir kein einziger Ort ein. Es ist so ein anderer Lebensstil.
 Wenn Sie heute entscheiden, dass Sie nicht im Zentrum sondern auf einem Hügel von Graz leben wollen, sind Sie trotzdem in 15 Minuten in der Stadt. Während die Pariser Vororte… das streckt sich. Familien sind gezwungen außerhalb zu wohnen, weil die Wohnungen im Zentrum zu klein sind. Das bedeutet im Normalfall zwei Stunden Hinfahrt und zwei Stunden Rückfahrt von zu Hause in die Arbeit. Das sind Sachen, die man sich als Grazer schwer vorstellen kann. Für einen Pariser ist das hart. Als Musikerin habe ich diesen Stress nicht.
 Auch die Leute sind sehr unterschiedlich. Den „Pariser“ gibt es gar nicht. Die meisten Menschen leben arbeitsbedingt in der Stadt. Sie kommen meistens aus dem Rest von Frankreich, haben dort Familien. Der Grund ist, dass Frankreich so zentralisiert ist. Das ist so, als wenn heute alle in Wien arbeiten müssten, weil es in den kleineren Städten fast unmöglich geworden ist, gute Jobs zu finden und Karriere zu machen. Paris ist zu einer Arbeitsstadt geworden. Alle Pariser haben den Wunsch nach mehr Platz, mehr Familienaktivität, großen Häusern auf dem Land. Das macht aus dem Pariser eine zwiegespaltene Persönlichkeit, die auch ständig etwas melancholisch und unzufrieden ist.
Die geografische Abgeschiedenheit von Graz ist sowohl eine Qualität als auch ein Kritikpunkt. Sie hat einerseits sehr lange eine Identität für die Stadt kreiert, andererseits ist da auch Kurzsichtigkeit entstanden, beispielsweise, dass man nicht weiß, was in Bezug auf alte Musik vor sich geht. Weil es schwierig ist, über die Berge zu schauen.“ Christina Pluhar lacht. „Ich schließe es nicht aus, einmal zurückzukehren.“

„Ich bin sicher europäisch beeinflusst, weil es in meiner Gruppe 18 verschiedene Nationalitäten gibt und ich nicht nur in Frankreich gewohnt habe. Was meine eigene Persönlichkeit, mein eigenes Grazerisch ist und mich manchmal in Konflikte mit den Franzosen bringt, ist, dass ich direkter bin mit meinen Antworten und dass ich nicht um den heißen Brei rede. Hier ist ganz typisch für die Französinnen, dass sie ‚ja‘ sagen und ’nein‘ meinen. Das kann ich als Grazerin überhaupt nicht. Für mich ist ‚ja‘ ja und ’nein‘ nein. Ich habe jahrelang versucht, mich darauf einzulassen, aber es funktioniert nicht. Das bleibt ein Mentalitätsunterschied und damit ecke ich auch an, denn die Franzosen fühlen sich zu konfrontiert und zu vor den Kopf gestoßen.“

Christina Pluhar mit Laute, Foto: www.arpeggiata.com

Christina Pluhar mit Laute, Foto: www.arpeggiata.com

Text: Marijana Miljkovic, 2007

Christina Pluhar ist Lautenistin, Harfenistin und Leiterin des Ensembles L’Arpeggiata. Sie wurde 1965 in Graz geboren und 
lebt in Paris.